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Veddel, 9. Juni, Finale
Italien - Frankreich 1:1 (1:1, 1:1) n. V. 4:2 i.E.

Zum letzten Mal flogen die schlecht schließenden Türen unseres Sprinters vor der Abfahrt zu einer Wohnzimmer-Station mit einem lauten Knall zu und in einem kurzen Moment der Besinnung zwischen Anschnallen und Betätigen des Zündschlüssels schwankte ich zwischen Erleichterung und Melancholie. Der letzte Spieltag lag vor uns und gleichzeitig der letzte Tag vor der fußballlosen Zeit. Noch konnte ich nicht sagen, welches Gefühl in mir überwog. Warten wir es ab. Zum letzten Mal ärgerte ich mich über die schlecht schließenden Türen und das nicht funktionierende Radio, das seit dem ersten Tag keinen Laut von sich gegeben hatte.
An den blauen Himmel der letzten Tage hatten sich ein paar Wolken geschlichen, eine gewisse Regenwahrscheinlichkeit ließ sich nicht abstreiten, aber wen interessierte das noch. Heute galt es nur noch darauf zu achten, dass das Spiel eine Stunde früher, also um 8 Uhr angepfiffen wurde.
Ein letztes Mal bauten wir unser Wohnzimmer auf. Auf der einen Seite der braune Leder-Zweisitzer und das blaue Stoffsofa, das wir vom Boden einer Studentin aus Barmbek geholt hatten. ?Die hat so eine nette Stimme, da müssen wir unbedingt hin?, meinte Till flehend. Ich sagte: ?Wir fahren jetzt wegen eines Sofas durch die halbe Stadt, oder was?? ? ?Ich habe das jetzt zugesagt. Das können wir nicht machen.? Ich erkannte die Ambitionen und niederen Instinkte von Till und war widerwillig einverstanden. Was soll`s. Immerhin war das Sofa kostenlos.
Das braune Ledersofa hatten wir aus einem Kleinmöbellager in der Stresemannstraße geliehen. Dort war übrigens auch die Stehlampe her, die bei unserem ersten Einsatz in Mümmelmannsberg beim legendären ?Antennensturz? (siehe Tagebuch Mümmelmannsberg) sofort getötet worden war. Hoffentlich erinnerte sich niemand an diese Lampe.
Zwischen den beiden Sofas stand immer einer von zwei braun/grünen Polstersesseln, die wir im ?Stilbruch?, einem Laden für betagte Möbel aufgetan hatten. Zugegeben, ein Fehlkauf: die Dinger waren klobig, schwer und unhandlich, aber man saß halbwegs bequem darin.
Auf der anderen dann unser größtes Vorkommnis. Eine schätzungsweise 6 Tonnen schwere Ledercouch, die schon schwere Schicksalsschläge hinter sich haben musste, wie diverse Narben, Flecken und Abschürfungen verrieten. Wir hatten sie geschenkt bekommen, samt einen passenden Sessel von unserem Büronachbarn Christoph, der froh war, das Ensemble los zu sein. Ebenso froh waren wir, als unsere Freunde vom Café Unmut es übernahmen. Nein, diese Möbel wollte ich nie wieder anfassen.
Ich erinnerte mich an eine Begebenheit in der Münzburg. Da erschien eine Gruppe dreier Mädchen in einem schon überfüllten Wohnzimmer. Als aufmerksamer Gastgeber sprang ich sofort auf und bot ihnen einen Platz. Eine von ihnen schaute sich um und rief: ?Hey, das Sofa kenne ich doch. Das gehört doch dem Christoph. Da habe ich schon mal drauf gepennt.? Ich schaute sie überrascht an. Wie konnte man auf diesem Sofa eine Nacht verbringen? Wie kam sie dahin? Und was ist in dieser Nacht passiert? Diskret behielt ich meine Fragen für mich. Schon verrückt diese WM, da stehen vermutlich tausende anonymer Sofas in dieser Stadt, die von Fußballfans belagert werden und hier trafen sich in einem versteckt gelegenen Hinterhof in St. Georg zwei alte Bekannte wieder: Möbel und Mensch.
Dazwischen unser schon beschriebener Grüner Teppich, der aussah wie ein Kunstrasen, der überraschend gewachsen ist. Seine langen Haare wehten im leichten Sommerwind. Darauf unsere beiden Fernseher, geschützt durch einen großen Sonnenschirm, über dessen Funktion es geteilte Meinungen gab. Ich fand, dass sie für eine gewisse Gemütlichkeit sorgten, andere meinten, sie beeinträchtigten den Blick gen Himmel. Waren das religiöse Einwände? Hatten wir wegen der Schirme gegen Italien verloren? Fakt war, dass sie des Öfteren vom Wind umgerissen wurden. Unberechenbar ging von ihnen immer eine gewisse Gefahr aus.
Komplett wurde unser Wohnzimmer durch unsere Bar. Wir hatten jetzt einen vom Café geliehenen Würfel, der durch aufgeklebte Holztapete verschönert wurde.
Auch heute gab es wieder zwei Konkurrenzbars, aber wir hatten uns arrangiert.

Über den Besuch konnten wir auch heute an diesem letzten Tag nicht meckern. Also beste Bedingungen am Finaltag. Wenige Minuten später tauchten zwei Polizisten auf. Sie berichteten von einer Premiere bei dieser Wohnzimmer WM: ein Anwohner hatte sich beschwert. Die Leute vom Café Unmut verdrehen die Augen. ?Ja, dieser Typ ist wirklich ein Problem. Der beschwert sich immer.? Auch die Polizisten reagieren eher mitleidig. ?Wir gehen mal kurz hoch und klären das. Machen sie erst mal weiter.? Sie verschwanden im Hauseingang, da gab es einem Knall auf dem Sofa gegenüber. Ich sah zehn Leute synchron das T-Shirt über die Nase ziehen. Eine Stinkbombe war hochgegangen. Also eher ein Stinkknaller. Ich schnappe die beiden Schuldigen und schmeiße sie raus. Die Jungs kommen dann nur noch einmal wieder, um mir meinen Fußball zu klauen.

20:00
Anstoß Finale der Weltmeisterschaft 2006 Italien ? Frankreich. Ein historischer Moment, den ich damit verbringe, ein paar Flaschen Astra ins Eisfach zu legen. Also, dieser Kühlschrank hier ist nicht unbedingt eine Bereicherung.

Ein weiterer Umstand ließ diesen Abend hier zu einer Nervenprobe werden. Ein Dokumentarfilmer aus Leipzig war angereist und bereicherte sich mit Aufnahmen von Stimmungen während des WM-Finales. Am Ende sollten diese Bilder mit denen von 42 weiteren Orten einen Film ergeben. Beim späteren Betrachten seiner Bilder im Schnittraum würde er sicher auch erkennen, dass sich recht bald eine erregte Front gegen den Filmer gebildet hatte. ?Sag mal, habt ihr den eingeladen??, fragte mich ein junger Mann mit kurzem Haar, der mit seiner Freundin gekommen war. Ich tat ahnungslos. Ich hatte keine Lust auf lange Erklärungen. Mein Nebenmann wurde ebenfalls nervös- ?Du, ich habe keinen Bock, dass die mich hier filmen.? Auch das war neu. Bisher hatte sich keiner über ein paar Aufnahmen aufgeregt. Ich dachte an Mirko, der mit seiner miniDV ja auch gleich erscheinen würde. Er war noch für ein paar Impressionen in Veddel unterwegs. Wenigstens gab es Entwarnung von der Polizei. ?Wir haben jetzt mit ihm gesprochen. Er hat heute seine kranke Mutter aus der Klinik geholt und so weiter und so fort. Sehen sie bitte zu, dass sie nach dem Spiel nicht mehr so lange machen.? Zu Befehl.
Der Filmemacher provozierte aber auch den Unmut. Fast aggressiv war seine Kamerahaltung. Er hielt sie über den Kopf wie eine Axt, die gerade einen besonders dicken Scheit zerschlagen muss. ?Sag mal, hört das bald auf?? ? ?Was will der jetzt?? ? ?Ich habe da einfach keinen Bock drauf.? usw. Und dann bezog auch noch Mirko Stellung mit seiner kleinen Kamera. Ich zog schon mal die Schultern an. Gleich geht?s wieder los. ?Ey, jetzt reichts. Wie viele kommen da noch.? ? ?Ist nur für unsere Internetseite.? ? ?Hey, das ist doch Scheiß.? Ich reagierte nicht mehr. Das erboste Pärchen ging zu Halbzeit. Nein, sie rannten, sie flüchteten. Hatte da jemand was zu verbergen?

20:07
Jawoll! Elfmeter für Frankreich. Matterazzi, der noch zu einem der Hauptprotagonisten dieses Finales werden sollte, hatte Malouda den Fuß weggezogen. Der stolze Zidane tritt höchstpersönlich an, kurzer Anlauf, Ball angelupft, Lattenunterkante, Tor! 1:0 für Frankreich. Beinahe alle jubeln. Ich auch. Meine Sympathien hat Frankreich, auch wenn das alles mir nicht so wichtig ist.
Frankreich jetzt bissig. Die Italiener haben den Faden verloren, Frankreich beherrscht das Geschehen.
Doch dann Materazzi Teil 2. Wie aus dem nichts springt der Italiener nach Pirlo-Flanke hoch, gewinnt gegen Viera das Kopfballduell und vollendet zum 1:1.
Jetzt sahen wir unter den Augen des Leipziger Dokumentarfilmers und seiner Kamera ein munteres Spiel. Die Italiener waren wieder stärker geworden und nahe am 2:1.

20:45
Halbzeit. Ich hatte ein paar Tropfen abbekommen und war nicht der Einzige, dem es so ging. Der Himmel hatte sich gespenstig zugezogen und drohte mit einem Regenguss. Welche Panikmache!, dachte ich, als plötzlich beinahe alle ins Innere des Café stolperten, nur um dort noch einen trockenen Platz zu erhaschen. In der Tat hatte es jetzt richtig angefangen zu regnen. Unschlüssig standen wir unter einem der beiden Sonnenschirme. Sollten wir jetzt abbauen, wäre das ein unrühmlicher Abschied. Sollten wir unsere Bar aufgeben. Niemals! Wir blieben standhaft. Einige Mutige waren sitzen geblieben in den regennassen Sofas und wurden mit dem Ende des Regens pünktlich zur zweiten Halbzeit belohnt. Sie hatten immer wieder gerufen: ?Nicht abbauen. Wir bleiben draußen. Das hört gleich auf.? Wie Recht sie hatten. Sollten sich doch alle da drinnen vor der Leinwand drängeln (unter anderem mittlerweile auch der abtrünnige Praktikant Till), wir blieben standhaft und hatten Platz und freien Blick.

21:00
Ein kleines Häufchen vor den Fenstern des überfüllten Cafés sah den Anstoß zur zweiten Halbzeit. Die Franzosen jetzt wieder besser. Vor allem Thierry Henry ragte heraus. Er nahm es im Minutentakt mit der gesamten Hintermannschaft der Italiener auf.

21:15
Na, wer sagt`s denn! Plötzlich stürmt eine Traube von Menschen aus dem Café. ?Was ist denn jetzt los?? ? ?Der Beamer ist ausgefallen.? Ha, wenn das keine Bestätigung für unser Durchhalten war. Jetzt kamen sie wieder, schleppten in vollendeter Hektik die Möbel nach draußen und lernten unsere Fernseher wieder zu schätzen. Nur Till blieb komischerweise immer noch drinnen. Hatte er schon mit dem Projekt abgeschlossen?

21:30
Eine Viertelstunde noch. Der Beamer ging wieder, aber alle blieben jetzt sitzen. Auf dem Spielfeld passierte nicht mehr viel. Die Italiener waren bei weitem nicht so souverän wie in den Spielen gegen Deutschland oder die Ukraine. Alles deutete auf eine Verlängerung hin. Ball im Aus. Ich gehe erst einmal aufs Klo. Als ich das Café durchschreite sehe ich Till und, ach so, das ist der Grund, warum er sich draußen nicht mehr sehen lässt. Links neben ihm im Liegestuhl: ein zartes Mädchen mit Pony und schwarzen Haaren. Da hatte er sich klammheimlich daneben gepflanzt. Es sei ihm gegönnt, auch wenn das an seinem Hochverratsvergehen nichts ändert.

22:45
Abpfiff. Verlängerung.
Jetzt kam doch ein wenig Adrenalin ins Spiel. Die Franzosen machten Druck. Domenech, der französische Trainer brachte Trezeguet, der viel zu selten spielen durfte. In der letzten Verlängerung seiner Karriere hatte Zinedine Zidane zwei herausragende Szenen: in der 103. Minute kam er nach Flanke von Sagnol völlig frei zum Kopfball.
7 Minuten später dann die Geburt einer Legende, eines Mythos. Ähnlich dem Wembley-Tor oder dem Hühnerfang von Sepp Maier oder dem aufgerissenen Oberschenkel von Ewald Lienen, dem Sparwasser-Tor, der Hand Gottes. Zidane überholt Materazzi von hinten, ist ein paar Meter vor ihm, hört sich ein paar verbale Ausrutscher des Italieners an, um sich dann umzudrehen und ihm den Kopf vor die Brust zu stoßen. Diese Szene wird ab sofort in keinem Fußball-Geschichtsbuch fehlen. Um sie werden sich Spekulationen ranken wie das Efeu um das Goeth`sche Gartenhaus. Was hat Materazzi gesagt? Hat der Schiri was gesehen? Viel die Entscheidung erst, nachdem der vierte Schiedsrichter die Zeitlupe gesehen hat? War das die Geburtsstunde des Videobeweis? Was ging in Zidane vor? Hatte er solch einen Abgang geplant? Fragen über Fragen. Mittlerweile wissen wir mehr darüber. Mir war sofort klar, dass die Aussagen Materazzis irgendwie die Familie Zidanes betreffen mussten. Aber trotzdem solch eine Aktion: völlig überflüssig. Sollte Materazzi wirklich gesagt haben ?Deine Mutter ist eine terroristische Hure.? dann gehört er dafür ausgelacht. Ich erinnerte mich an meine Zeit in der Kreisliga. Was man da zu hören bekam war ungleich härter. Wenn ich da immer gleich zugeschlagen hätte? Aber ich stand ja auch nicht in einem WM-Finale in der 110. Minute. Ich stand überhaupt erst einmal in einer Verlängerung, im Kreispokal gegen Jena-Zwätzen 4. Mannschaft. Wir verloren 4:7 und hatten doch bis zur 90. Minute 4:3 geführt. Doch dann fing unser Torwart einen Querschläger vom eigenen Mann. Freistoß im Strafraum. Damals war gerade frisch die Rückpassregel eingeführt worden. Heute würde so etwas keiner mehr pfeifen. Komisch, was einem alles in einer Minute, in dieser 110. Minute durch den Kopf gehen kann.

22:25
Abpfiff der Verlängerung. Elfmeterschießen. Die Franzosen waren natürlich geschockt. Alles dachte nur an diese Aktion von Zidane. Sollte Frankreich jetzt auch noch das Elfmeterschießen verlieren, dann würde die Karriere des französischen Kapitäns für immer überschattet werden von dieser Roten Karte.
Und die Italiener gewinnen. Ausgerechnet Trezeguet verschießt, der sowieso eine frustrierende WM hinter sich hat. Italien ist Weltmeister.
Diese Tatsache wird im Wohnzimmer gefasst aufgenommen. Nach meinen Schätzungen hätten wohl rund 90% der Leute hier den Franzosen den Sieg gegönnt. Nun ist es anders gekommen. Kein Drama.

Wir sind bereit, zum letzten Mal unsere Sachen zu packen. Zu unserem großen Glück übernimmt das Café Unmut alle unser Möbel und sogar der miefige Teppich bleibt hier. Das ist doch mal eine gute Nachricht. Da müssen wir nicht morgen durch die Gegend fahren, um mühsam den Sperrmüll loszukriegen.
Der Sprinter fährt ohne das Wohnzimmer nach Hause. Wir brauchen es nicht mehr. Die WM 2006 ist zu Ende. Vielleicht kommen wir wieder. Vielleicht halten die Österreicher und Schweizer die Sache im Jahre 2008 auch für eine gute Idee.

Danke an alle, die irgendwie beteiligt waren und unseren Weg verfolgt haben. Also jetzt hat doch die Wehmut gegen die Erleichterung gewonnen.

Bis zum nächsten Mal

Peter Schütz