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Veddel, 8. Juni 2006 und eine kleine Vorgeschichte. "Seien sie froh, dass sie nicht an den Kollegen geraten sind."
Spiel um Platz 3:

Deutschland - Portugal 3:1



Nun ist es beinahe schon eine Woche her, dass wir unsere letzte Station Veddel verließen. Mittlerweile ist unser Transporter wieder in seinem Stall in der Stresemannstraße, unsere Möbel sind nicht mehr unsere, wir haben sie einfach dem sympathischen Café Unmut in Veddel überlassen. Selbst unser Teppich, dessen Gerüche unterschiedlichster Herkunft, die er inzwischen angenommen hatte ganze Enzyklopädien füllen konnten, hat dort mittlerweile ein neues Zuhause gefunden.

Vielleicht hat es diese Woche gebraucht, um die Dinge noch ein wenig Revue passieren zu lassen. Ich persönlich bin zum Glück nicht in dieses Nach-WM-Loch gefallen, wie so viele andere. Wenn ich ehrlich bin, dann bin ich auch ein wenig froh, dass die ganze Geschichte vorbei ist. Nicht, dass wir keinen Spaß hatten oder die Motivation abgenommen hätte: aber ich fühlte mich am Ende doch wie auf der letzten Geraden einer anstrengenden Jogging-Strecke, die zu guter Letzt auch noch einen Anstieg bereithielt. Die Oberschenkel brannten, der Hals verspannte sich, die Gesichtszüge waren zur Fratze verzogen. Das alles ist selbstverständlich metaphorisch zu betrachten. Die jungen Leute in Veddel trafen uns durchaus als fröhliche Zeitgenossen und nicht als ausgelaugte Leistungssportler. Ich beschreibe hier eher einen inneren Zustand.
Doch wir wollen nicht den zweiten Schritt vor dem ersten machen. Wenn mich eines am Fußballkommentaren stört, dann sind es Spielanalysen in der 85. Minute. Die letzten 5 Minuten plus Nachspielzeit waren noch zu spielen. Für uns fanden sie in Veddel statt und immerhin spielte die deutsche Mannschaft noch um Platz 3.

Steigen wir mit unserer Geschichte zu einem Zeitpunkt ein, als die deutsche Mannschaft noch nicht wusste, dass sie am Samstag im Kleinen Finale in Stuttgart spielen würde. Zu diesem Zeitpunkt wollte sie noch nach Berlin und einen Tag länger frei haben.
Einen Tag vor dem Halbfinale machte ich mich also auf den Weg nach Veddel. GoogleMaps hatte mir den Weg gewiesen. Alles schien ganz einfach und doch wurde es fast eine Reise ohne Wiederkehr. Bis zur Autobahnabfahrt Georgswerder verlief alles nach Plan. Der Sprinter schnurrte auf dem direkten Weg nach Veddel. Doch kurz danach begannen die Schwierigkeiten. GoogleMaps erwies sich als ignorant und schluderig, also als nicht besonders genau. Ich befand mich zwar kurz in der gesuchten Veddeler Brückenstraße, bog dann allerdings falsch ab und geriet auf einen Straßenverbund, der getrost den Namen ?Teufelskreis? verdient hätte. Nachdem ich beinahe das gesamte Freihafengelände abgefahren hatte, geriet ich, noch ohne es zu wissen in ein Leitsystem, dass mich auf direkten Wege in eine Zollfahndung führen sollte. Ich versuchte ruhig zu bleiben und die nette Aussicht auf die Hafenanlagen zu genießen, aber auf meinem Weg durch den Teufelskreis hatte ich bald alles schon dreimal gesehen. Ich überquerte eine Elbbrücke, die mich endgültig ins Verderben schicken sollte, denn Sekunden später stand ich an einer Zollschranke. Als der Zollbeamte die Tür öffnete sprang ihm mein weißer ?Yahoo!?-Ball entgegen, den der aufmerksame Kolumnist von yahoo.de mit nach Hamburg-Nord gebracht hatte. ?Huch, was kommt denn da?!?... ?Haben sie etwas zu verzollen?? ? ?Nein, ich habe mich verfahren. Ich habe hinten Möbiliar für ein Projekt namens Wohnzi....? ? ?Na, steigen sie mal aus.? ? ?Scheiße, dachte ich. Ich packe den ganzen Krempel jetzt nicht aus. Kann man das hier nicht mal richtig ausschildern. Ich habe so einen Hals.? Ich öffnete die Hintertür. Ein unglaublicher Mief kam uns entgegen. Unter dem Teppich, der den Hauptgestank verbreitete, schauten ein paar Bierkästen hervor. ?Haben sie etwas zu verzollen?? ? ?Nein, ich habe mich nur verfahren- Ich wollte zum Café Unmut in die Veddeler Brückenstraße..? ? ?Na, wenn sie hier durchfahren, haben sie doch etwas zu verzollen, oder nicht?? ? ?Nein, wie gesagt, ich habe mich nur verfahren.? ? ?Was haben sie denn da?? ? ?Na , da sind Möbel, also Sofas, ein Kühlschrank...? ? ?Da können sie ja sonder was drunter haben.? ? ?Warten sie?, sagte ich und ging zum Führerhäuschen. Der Flyer war jetzt meine letzte Hoffnung. Ich schenkte dem Zollbeamten einen und erklärte das Projekt, doch er blieb ungerührt. ?Sein sie froh, dass sie an mich geraten sind. Da könnte alles mögliche drin sein. Ich lass sie heute mal noch ausnahmsweise weiterfahren.? Er erklärte mir noch einmal den Weg und ich brauste los. Nur weg hier. Etwas später rief ich Martin vom Café Unmut an und er leitete mich einen Moment lang übers Telefon. ?Ok, jetzt finde ich es?, sagte ich noch (definitiv zu früh)und legte auf. Kurz darauf befand ich mich wieder auf dieser Elbbrücke. ?Nein, nicht schon wieder?, dachte ich und hielt Ausschau nach einer Wendemöglichkeit.
?Huch, den kenn` ich doch?, meinte der Zollbeamte, als ihm beim Türaufmachen der yahoo-Ball entgegen sprang. Leider war es diesmal nicht der selbe Beamte, so dass ich ihm meine Leidensgeschichte noch einmal erzählen musste. Ich drückte auf die Tränendrüse: ?Ich bin schon ganz verzweifelt, ich will doch nur nach Veddel.? ? ?Na machen sie mal auf.? Wieder öffnete ich die Tür. Der gleiche Mief, das gleiche Bild. ?Haben sie etwas zu verzollen. Ja, hatte ich ihm eben nicht eindrucksvoll erklärt, was hier vor sich ging? ICH HABE NICHTS ZU VERZOLLEN: ICH HABE MICH NUR VERFAHREN: WEIL DIESES BESCHISSENE LEITSYSTEM HIER SO BESCHISSEN AUSGESCHILDERT IST!!? Das dachte ich natürlich nur und schüttelte den Kopf. ?Na, da können sie froh sein, dass sie nicht an den Kollegen geraten sind. Dann hätten sie schön auspacken können.? Ich war bereits an den Kollegen geraten, das musst du doch mitbekommen haben!, dachte ich. Sie schoben sich offenbar gerne gegenseitig den Schwarzen Peter zu. Und offensichtlich schien es hier als schicklicher zu gelten, es mit der Konsequenz nicht so genau zu nehmen.

Letztendlich erreichte ich doch noch das Café Unmut , dessen nicht so glücklicher Name allerdings genau meinen Gemütszustand traf.
Ein paar Studenten hatten hier von der SAGA einen ehemaligen Laden oder etwas in der Art kostenlos zu Verfügung gestellt bekommen und hatten einen Club draus gemacht. Alles machte einen sehr entspannten Eindruck. Das alles verlangsamende heiß-schwüle Wetter tat sein Übriges.
Vor der Tür stand schon ein komplettes Wohnzimmer, zusammentragen bei diversen Sperrmüllsammlungen. Der schwache Wind wehte ein wenig Staub auf die hellen Sitzpolster. ? Da brauchen wir ja gar nichts mehr mitbringen?, meinte ich. ?Ne, ist eigentlich ist alles da. Wir haben dann auch eine Leinwand hier drinnen am Samstag.? ? ?Wie bitte?!?
Im hinteren Teil des Raums stand ein Kickertisch, seitlich eine Bar und aus der kleinen Kompaktanlage erklang zeitgenössische Rockmusik. Liegestühle und diverse Kleinigkeiten gaben dem Laden einen alternativ-verträumten Anstrich. `Die brauchen uns hier gar nicht!`, dachte ich noch, aber was soll`s. Keine Diskussion jetzt, wir stehen vor der letzten Station. Und außerdem freute ich mich drauf, hier wirkte alles sehr nett.

8. Juli
?Veddel ist eine Insel?, sagt Martin, der den Laden mit anderen zusammen betreut. In der Tat erscheint Veddel wie ein klitzekleines Eiland zwischen Freihafen, weitverzweigten Schienennetz und der Autobahn. Sozusagen das Bikini-Atoll der Hansestadt. In den nächsten Jahren soll der Stadtteil noch attraktiver gestaltet werden für Künstler und Studenten und irgendwann einmal den Szeneverbund Schanze-Kiez-Eimsbüttel vergrößern. ?Das wird nie gelingen?, sagt Martin. Er ist einer von ca. 300 Studenten, die es hier nach Veddel verschlagen hat. Und das ganz bewusst. Die Mieten sind billiger, sie können hier einen Club organisieren und das mietfrei. Undenkbar am Schulterblatt beispielsweise. Warum auch nicht, die S-Bahn-Station ist gleich in der Nähe. Im Prinzip besteht Veddel nur aus ein paar Straßen, die eingerahmt werden von roten vierstöckigen Klinkerbauten. Ansonsten entdeckt man noch den unvermeidlichen Dönerladen und einen kleinen Supermarkt. Reicht ja auch.

19:00
?Wieso hat denn keiner gesagt, dass ihr auch eine Bar macht? Wir haben jetzt gut eingekauft.?, meint der Schatzmeister des Café Unmut. Irgendwas war da falsch angekommen. Wir entschieden uns schließlich für zwei parallele Bars, eine drinnen, eine draußen. Zehn Minuten hing ein Schild am Café. ?Hier gibt es die richtig kalten Getränke.? Daneben ein Pfeil, der ins Innere führte. Wir standen draußen unter dem Coca-Cola-Schirm an unserer Bar, die lediglich aus einem (zumeist defekten) Kühlschrank bestand und mussten zugeben, dieses Schild war nicht übertrieben. Ein wenig grimmig beäugten wir die Abtrünnigen, die sich in der inneren Bar ihr Getränk kauften und sich dann draußen in unsere Möbel setzten. Verrat!
In der Zwischenzeit hatte ein Türke, der offenbar schon vor sehr langer Zeit auf die Welt gekommen war, sein Bier neben mir abgestellt und fing an zu schimpfen. Er könne nicht verstehen, dass wir (!) in der 118. Minute gegen Italien geschlafen hatten. Das wir dieses Spiel noch aus der Hand gegeben hatte. Er war richtig sauer auf uns. Also nicht nur auf Ballack und Co., sondern auf uns, auf uns Deutsche. Wir wurden von ihm in Kollektivhaft genommen. Ich zuckte mit den Schultern und entschuldigte mich. Ja, da hatte ich wohl geschlafen, aber immerhin hatte ich schon 2 Stunden Tempofußball in den Knochen. Ich rief noch zum Micha: "Greif an!" aber es war zu spät. Ich selbst kam nicht mehr hin. Das Spiel war ja in Dortmund und ich saß in Hamburg-Nord. Da kam einiges an Pech zusammen. Keine weiteren Diskussionen jetzt. Das führte zu nichts. Der alte Mann zog fluchend von dannen. "Ihr nicht haben verdient Finale!" Ja, ja. Ich konzentrierte mich lieber darauf, wer hier weiterhin in unseren Möbeln das Bier von drinnen trank.
Innen lief das Spiel auf einer Leinwand, draußen unsere Fernseher. Innen stand ein Wohnzimmer, unseres stand draußen. Unsere Idee war schon lange vor uns hier angekommen und wir fühlten uns zunächst ein wenig überflüssig. Das legte sich allerdings bald durch die ungezwungene Stimmung, die jegliches Konkurrenzdenken im Keime ersticken ließ.

21:00
Anstoß
Die Aufstellung der Deutschen ließ nichts Gutes erhoffen. Mertesacker, Ballack, Borowski verletzt. Schön, dass Oli Kahn noch mal rein durfte. Die erste Halbzeit verlief ein wenig schleppend, in der zweiten schlug dann Schweinsteiger zu. Ich verpasste alle drei Tore. Beim ersten bestellte ich gerade ein paar Pommes beim Döner gegenüber. Beim zweiten versuchte ich unseren weißen yahoo-Ball einer Horde Kids zu entreißen, die damit über alle Berge wollten. Und beim Dritten war ich ganz profan auf dem Klo. Ich verpasste übrigens auch noch das portugiesische Tor, aber das machte nichts an diesem Abend. Der Druck war lange weg gewesen. Wir freuten uns natürlich über den Sieg. Dritter Platz ist ja nicht schlecht, aber so ein WM-Titel, das wär`s schon gewesen. Nun ja, morgen war ja noch Finale, das hatte ich fast vergessen und wir würden noch mal wiederkommen, hier nach Veddel, auf die Wohnzimmer-Insel.